Teil 3: Vier Jahrzehnte Einsatz für sauberes Grundwasser

Extensive Landwirtschaft, Hochwasser, PFAs, Unfälle im Chemiesektor – Die Rhein-Ruhr-Schiene und speziell Leverkusen ist immer wieder mit Ereignissen und Entwicklungen konfrontiert, die Zweifel bei den Kundinnen und Kunden an der Trinkwasserqualität aufkommen lassen. Zwar ist die Chemie-Stadt kein Luftkur-Ort und keine Region wie die Eifel oder das Sauerland, aber um Trinkwasserqualität muss sich in unserer Stadt niemand Gedanken machen: „Das Leverkusener Trinkwasser kann in jedem Stadtteil bedenkenlos getrunken werden“, sagt Alexander Boßhammer. Der Georessourcenmanager ist einer der zahlreichen EVL-Mitarbeiter, der sich um die Trinkwasserqualität kümmern und zählt das Thema Nitratwerte zu seinen wichtigsten Aufgabengebiete. Doch was sind eigentlich Nitrate, die in Zusammenhang mit Stichworten wie „Überdüngung“ und „Gülle-Importen“ immer wieder durch die Medien geistern? In allen Böden und Gewässern befinden sich Nitrate. So auch in Leverkusen. Da Nitrate von Pflanzen als Hauptnährstoffe verwertet werden, setzt die Landwirtschaft die Stickstoffverbindung seit vielen Jahrhunderten als Düngemittel ein.
Durch die Intensivierung der Landwirtschaft stiegen die Nitratwerte im Leverkusener Grundwasser bis Anfang der 1980er-Jahre stetig an. Deshalb begannen wir bereits 1982 mit einer flächendeckenden Nitratuntersuchung. Ein Nitratatlas wurde erstellt und erste Gespräche mit der Landwirtschaftskammer Rheinland und den umliegenden Landwirten geführt. „Wir haben uns damals als einer der ersten Trinkwasserversorger in der Region intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagt Alexander Boßhammer.
Die Gespräche von Boßhammers Vorgängern mündeten ab 1985 in der Gründung einer sogenannten „Gülleausbringungsgemeinschaft“. Finanziell unterstützt von uns, wurden schonende Düngemaschinen und -Methoden ausprobiert. Wir und die Landwirtschaftskammer berieten die Landwirte über eine gezieltere Düngung. „Damals wurde ausprobiert, nur so viel Nitrat auszubringen, wie der Boden benötigt“, sagt Boßhammer. Was heute selbstverständlich klingt, war früher noch Pionierarbeit. „Der ständige und gute Dialog zwischen uns und den Landwirten sowie die Maßnahmen führten dann ab Ende der 1980er-Jahre zu sinkenden Nitratwerten.“ 1993 wurde die offizielle Kooperation „Gewässerschutz Rheinschiene Süd“ gegründet.
Von seinem Schreibtisch am Overfeldweg aus koordiniert Alexander Boßhammer die Maßnahmen. Neben der Beratung zahlen wir Entschädigung an Landwirte, die auf ihren Äckern ohne zu Düngen Gras wachsen lassen. Diese Flächen liegen zwischen Langenfeld und Rheindorf, da ein Großteil des Grundwassers aus Reusrath kommend in Richtung Wasserwerk Rheindorf strömt. Außerdem gibt es Prämien für niedrige Stickstoffwerte im Boden, für den Verzicht auf bestimmte Pflanzenschutzmittel oder für den Einsatz von „Nützlingen“ in der biologischen Schädlingsbekämpfung. Die Landwirte werden zudem für den Zwischenfruchtanbau entschädigt. Die Zwischenfrüchte, wie zum Beispiel Senf oder Klee, entziehen nach der eigentlichen Ernte im Herbst dem Boden Stickstoff und schützen die Oberfläche vor Erosion.
Das Grundwasser, das sich vor den Toren Rheindorfs bildet, braucht aufgrund je Zusammensetzung und Mächtigkeit der Bodenschicht mehrere Jahre bis es im Wasserwerk Rheindorf ankommt. Dementsprechend dauerte es in den 1980ern auch mehrere Jahre bis die Nitratwerte sanken. „Daher müssen wir mit unserer Arbeit immer am Ball bleiben und die Maßnahmen kontinuierlich fortführen“, sagt Boßhammer. Im Wasserwerk Rheindorf fördern die Trinkwasserbrunnen heute ein qualitativ gutes Rohwasser, das nur noch mit naturnahen Verfahren aufbereitet werden muss. Leverkusener Kundinnen und Kunden, die über das Wasserwerk Rheindorf versorgt werden, bekamen 2025 ein Trinkwasser mit einem Nitratwert von durchschnittlich 16,8 mg/l. Erlaubt ist ein Nitratwert von 50 mg/l. „Ab Ausgang Wasserwerk haben sich die Nitratwerte seit 1990 mehr als halbiert. Das ist ein schöner Erfolg unserer Kooperation“, sagt Alexander Boßhammer.
Das Thema Digitalisierung ist ein weiteres Aufgabengebiet des Georessourcenmanagers. So sind Wetterstationen eine neue Unterstützung für Landwirte wie Wasserversorger. Die Messgeräte sammeln präzise Daten. Auf deren Basis können die Landwirte eine ideale Entwicklung der Pflanzen abstimmen und wissen gleichzeitig, wann sie weniger Pflanzenschutzmittel einsetzen können. Der Vorteil: eine verbesserte Trinkwasserqualität. Gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer NRW haben wir zwei dieser Wetterstationen in ihrem Wasserschutzgebiet installiert.

Seit der Installation können alle Landwirte der Kooperation Rheinschiene und wir als Trinkwasserversorger von überall in Echtzeit auf genaue lokale Wetterinformationen zugreifen, die die Wetterstation im Vorfeld ermittelt: „Das Messgerät zeichnet unterschiedliche Werte, wie beispielsweise Regen- und Sonnenstunden aber auch Windstärke auf und zieht sogar einen Vergleich zu vergangenen Messzeitpunkten, die dann jeder digital über eine App oder seinen Browser am Arbeitsplatz einsehen kann“, sagt Boßhammer.
Über das Wasserwerk Rheindorf werden Hitdorf, Rheindorf, Bürrig, Küppersteg, Opladen und Alkenrath versorgt. Der Rest von Leverkusen bekommt sein Trinkwasser aus der Großen Dhünn-Talsperre. Im Bereich der Talsperre gibt es ebenfalls eine Landwirtschaftskooperation, in der sich der zuständige Wupperverband mit den Landwirten für die Senkung der Nitratwerte einsetzt. „Bei unserem Talsperrenwasser und dem Rheindorfer Grundwasser haben wir auch keine Probleme mit Mikroplastik und Medikamentenrückständen“, so Boßhammer weiter. Diese beiden häufig diskutierten Themen, treffen eher auf Oberflächengewässer wie Flüsse zu.
Als Leverkusener Trinkwasserversorger stecken wir nicht nur viel Zeit und Manpower in die Qualität des Trinkwassers, wir testen vor dem Hintergrund strenger gesetzlicher Vorgaben auch sehr häufig. Dazu fahren ganzjährig unsere Trinkwassermonteure raus, und beproben neben den Brunnen, der Verdüsung, dem Ausgang des Wasserwerks auch die Grundwassermessstellen. Darüber hinaus beproben wir zusätzlich Messstellen von Bayer, die Wupper sowie Baggerseen. Die Proben werden anschließend im Trinkwasserlabor der RheinEnergie ausgewertet. Dabei wirkt ebenfalls wieder ein Digitalisierungsprojekt von Alexander Boßhammer als Beschleuniger: „Um das Frühwarnsystem zu verbessern haben wir fünf Grundwassermessstellen rund um das Wasserwerk mit sogenannten Datenloggern ausgestattet.“
Diese arbeiten autark und zeichnen die wichtigsten Parameter für den Energieversorger auf. „Um die Daten auszulesen wurde eine Messsonde in die Grundwassermessstelle gehängt und zu Beginn einmalig konfiguriert. Seitdem misst die Sonde in vordefinierten Zeitintervallen Werte, die tagesgenau an den Datenlogger gesendet werden.“ Damit Alexander Boßhammer diese auslesen kann, muss er nur sein mobiles Endgerät oder den PC auf seinem Schreibtisch im Overfeldweg einschalten. „Dann kann ich die für mich wichtigsten Ergebnisse, wie beispielsweise die elektrische Leitfähigkeit, die Temperatur und den Wasserstand einsehen.“ Denn durch die spezifische elektrische Leitfähigkeit können wir bei „Ausreißern“ umgehend reagieren, indem die Zeitintervalle der Messungen verkürzt werden und um daraufhin gegebenenfalls Maßnahmen einzuleiten. Zusätzlich erhält Boßhammer noch Daten zu der Dichte, dem Salzgehalt und der gelösten Stoffe im Wasser.

Hoher finanzieller Aufwand, großer Personaleinsatz, viele Ideen und Ansätze zur Verbesserung der Trinkwasserqualität. Nicht nur bei uns gilt: Von allen Lebensmitteln in Deutschland ist Trinkwasser eines der am strengsten kontrollierten. Die Ergebnisse stellen die Trinkwasserversorger transparent und niedrigschwellig zur Verfügung: Wer mehr über die Qualität seines Trinkwassers erfahren möchte, der findet auf dem Portal wasserportal.info die Trinkwasseranalysen für Leverkusen. Adressgenau kann jeder Kunde nachvollziehen, welches Wasser er bekommt und wie es sich zusammensetzt.
Wie wir das fertige und saubere Trinkwasser in der Stadt verteilen und welch infrastruktureller Aufwand dafür nötig ist, erklären wir in zwei Wochen im nächsten Artikel der Reihe mit Mustafa Inan, der als Bau-Projektleiter für die EVL-Trinkwasser-Baustellen betreut.